New Work: Definition und philosophische Grundlagen zur digitalen Arbeitswelt

Digitale Vorreiter

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Datum 01.07.2021
Lesezeit 5 Min.

New Work: Definition und philosophische Grundlagen zur digitalen Arbeitswelt

„New Work“ steht für modernes, ortsunabhängiges und freieres Arbeiten: Das Schlagwort wird gegenwärtig im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und der dadurch befeuerten Digitalisierung oft zitiert. Doch was ist mit New Work eigentlich gemeint und woher kommt der Begriff – hier lesen Sie mehr darüber.

Seit 2020 ist Homeoffice – gewollt oder ungewollt – aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Die Frage ist, wie modernes Arbeiten sich entwickeln wird. Was bleibt davon übrig, was ändert sich? Wird es weiterhin vermehrt Homeoffice geben? Setzt sich das ortsunabhängige und flexible Arbeiten durch? Oder kehren alle Arbeitnehmer:innen wieder zum Alltag im Firmenbüro zurück?

 

Der Kopf hinter New Work: Frithjof Bergmann

Der Begriff „New Work“ geht ursprünglich auf Frithjof Bergmann zurück. Schauen wir uns die Ursprünge des Begriffs und die dazugehörige New-Work-Philosophie an.

Bergmann, Jahrgang 1930, gewann als 19jähriger einen Aufsatz-Wettbewerb, bei dem ein Studienjahr in Oregon in den USA ausgelobt worden war. Nach Ablauf dieses Jahres blieb er weiter in den Vereinigten Staaten. Bergmann nahm verschiedene Gelegenheitsjobs an, lebte zeitweise als Selbstversorger auf dem Land und schrieb Theaterstücke. Er studierte schließlich Philosophie an der Universität von Princeton, wo er in Philosophie promovierte. Bergmann übernahm Lehraufträge an verschiedenen Universitäten, darunter Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley. Ab 1958 lehrte Frithjof Bergmann an der Universität von Michigan in Ann Arbor, wo der Philosoph auch heute noch lebt.

 

Der Zündfunke: Automatisierung in der Automobil-Industrie

Frithjof Bergmann konnte in Chicago und in Michigan aus nächster Nähe beobachten, welche Folgen die zunehmende Automatisierung in den großen Automobil-Werken in der Region hatte. Eine massenhafte Zunahme der Arbeitslosigkeit und Menschen, deren Tätigkeiten am Fließband immer eintöniger und unbefriedigender wurden.

Eine seiner Ideen, die in diesen Beobachtungen wurzelte: Der Automobilkonzern General Motors sollte nicht etwa Arbeiter entlassen, die durch die Automatisierung überflüssig geworden waren. Stattdessen sollten alle Arbeiter bleiben, jedoch nur noch die Hälfte der Zeit arbeiten. Die freie Zeit könnten sie dann mit anderen Dingen füllen: Selbstverwirklichung und Selbstversorgung. Bei der Sinn-Suche und Selbstverwirklichung sollte das 1984 von Bergmann in Flint (Michigan) gegründete „Zentrum für Neue Arbeit“ die Arbeiter unterstützen.

Montagehalle für Automobile

Automatisierung hat die Erwerbsarbeit in vielen Bereichen stark verändert. Montagelinien in der Autoindustrie sind heute fast menschenleer.

Freiheit und Arbeit: New Work nach Bergmann

Seinen philosophischen Ansatz für eine neue Auffassung von Arbeit verbindet Frithjof Bergmann mit einer anderen Einordnung des Begriffs „Freiheit“. Er sagt, Freiheit müsse nicht nur die Freiheit sein, zwischen Alternativen zu entscheiden (Entscheidungsfreiheit). Wahre Freiheit müsse dagegen die Möglichkeit umfassen, frei zu handeln (Handlungsfreiheit). Dies sei eine echte Option für die Zukunft, da das herkömmliche System von Arbeit und Lohn am Ende sei. Bergmanns Argumentation basiert unter anderem auf dem Fakt, dass dieses System ohnehin nur so ist alt wie die Industrielle Revolution, also gut 200 Jahre. Auf dem Weg von einer Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft sei es Zeit für ein erneutes Umdenken.

„Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit (…) sollte uns mehr Kraft und Energie verleihen (…), bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere Menschen zu werden.“

Frithjof Bergmann in „Neue Arbeit, neue Kultur“

Bergmann schlägt vor, dass aufgrund der fortschreitenden Automatisierung in allen Wirtschaftsbereichen die Erwerbsarbeit für jeden gekürzt werden solle. So könnte für alle Menschen eine finanzielle Basis geschaffen werden, von der aus sie andere Dinge tun könnten.

Er sieht drei Säulen, auf denen Menschen ihr Leben aufbauen und gestalten können:

  • Erwerbsarbeit, mit der die finanzielle Basis für den Lebensunterhalt geschaffen wird
  • Selbstversorgung, sogenannte „smart consumption“, etwa durch selbst angebaute Lebensmittel und andere Dinge, die gemeinschaftlich mit anderen erzeugt und geschaffen werden können
  • Selbstverwirklichung, die auch als Sinnsuche umschrieben werden könnte, oder als „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“

Zentrale Werte der „Neuen Arbeit“ seien Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft. Frithjof Bergmanns Vorstellung ist eine langsame und stetige Veränderung der Gesellschaft hin zu „New Work“ als zentralem Motor. Die dritte Säule solle jeder für sich persönlich – in Übereinstimmung mit den eigenen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und auch Begabungen – ausfüllen. Eine ausgewogene Balance aus den drei Säulen würde die Menschen zufrieden machen und dafür sorgen, dass sie sich energiegeladen und glücklich fühlten.

„Wir starten Montags im Remote Work mit einem 30-minütigen Team-Call, in dem wir die wichtigsten Aufgaben für die Woche besprechen. Danach teilen wir uns in kleinere, spezialisierte Teams auf. Außerdem haben wir ein virtuelles Büro eingerichtet, in dem unsere Mitarbeiter sich spontan ,treffen’ können.”

– Hendrik Gottschalk, CEO von getbaff

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New Work in der modernen Arbeitswelt

Für Frithjof Bergmann ist New Work ein grundlegender Denkansatz, der nicht nur den Einzelnen, sondern die Gesellschaft verändern würde. Es ist auf jeden Fall mehr als – wie er in einem Interview sagte – „Lohnarbeit mit Dekoration“ wie Homeoffice-Optionen und kostenlose Trend-Limonaden. Er sagt, in der konventionellen Sicht auf Arbeit sei die zu erledigende Aufgabe das Ziel, und der Mensch setzt sich als Werkzeug zur Verwirklichung dieses Zwecks ein. Der Mensch unterwirft sich also der Arbeit. New Work wolle diesen Zustand umkehren.

Bergmann sieht übrigens ein wesentliches Problem nicht darin, ob seine Utopie in der Praxis umsetzbar und mit wirtschaftlichen Anforderungen vereinbar ist. Er sieht ein großes Hindernis darin, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, was sie wirklich wollen: Es gäbe eine Armut der Begierde.

Das ortsunabhängige und flexible Arbeiten liegt weiterhin im Trend, wie Zahlen von Statista belegen. Der Anteil des Homeoffice etwa stieg 2020 im ersten Lockdown von vorher vier auf stolze 27 Prozent. Und auch im Lockdown Light im November sank der Anteil der im Homeoffice Beschäftigten nur auf 14 Prozent. Insgesamt stieg der Anteil der Arbeitnehmer:innen, die regelmäßig im Homeoffice arbeiten, 2020 von 18 auf 42 Prozent. Es wird sich zeigen, wie stark dieser Anteil nach dem Ende der Krise wieder zurückgeht. Aber eins steht fest: So wie vorher wird die Arbeitswelt vermutlich nicht wieder aussehen, da viele Menschen das moderne Arbeiten schätzen gelernt haben – ohne festen Arbeitsplatz und starre Arbeitszeiten.

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New Work-Ansätze in der Praxis: „Einhorn” aus Berlin

Im Podcast #50 aus der Interview-Reihe „Digitale Vorreiter“ geht es darum, wie New Work-Ansätze bei „Einhorn” funktionieren. Das junge Unternehmen mit Sitz in Berlin produziert und vertreibt vegane Kondome; seit einiger Zeit ergänzen Periodenprodukte aus Bio-Baumwolle und sogenannte Menstruationstassen das Portfolio. Gastgeber Christoph Burseg spricht in dieser Podcast-Folge mit Cordelia Röders-Arnold, die den klangvollen Titel „Head of Menstruation” trägt. Sie reden unter anderem darüber, wie sich der Arbeitsalltag bei Einhorn anfühlt: Es gibt keine Beschränkung der Urlaubstage, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bestimmen selbst über ihre Aufgaben, legen Projekt-Prioritäten in der Gruppe fest und auch über Gehälter wird transparent gemeinsam entschieden.


Die Hälfte des Gewinns, den die „purpose company” erzielt, fließt in nachhaltige Projekte. 2018 war Einhorn unter den Gewinnern des New Work Awards, und auch Cordelia Röders-Arnold ist aus persönlicher Erfahrung von der Arbeitsweise im Unternehmen überzeugt. Gerade unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Krise hätte sich die weitgehend selbstbestimmte Organisation bewährt, erzählt sie im Interview in Folge #50.

Was sonst noch abseits des rein philosophischen Ansatzes diskutiert und erlebt wird, hören Sie auch in weiteren Folgen von „Digitale Vorreiter“: Etwa im Podcast #25 mit Christoph Magnussen und in Ausgabe #41 mit Michael Trautmann. Sowohl Magnussen als auch Trautmann befassen sich schon seit Jahren mit New Work. In ihrem eigenen Podcast „On the way to new work“ teilen sie ihre Erfahrungen und haben unter anderem auch Frithjof Bergmann besucht und interviewt.

 

Ist New Work ein Thema für Sie und Ihr Unternehmen? Bieten Sie Ihren Mitarbeitern Freiräume zur Selbstverwirklichung? Haben Sie beispielsweise Teilzeitmodelle oder bieten Sabbaticals an?

 


Ihre Digitalisierungs-Berater für den Mittelstand

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und unverbindlich im Chat (Mo.-Fr. 8-20Uhr) oder telefonisch unter 0800 5054512 zur Verfügung.

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