Ranga Yogeshwar: 2022 kehren wir zu einer neuen Normalität zurück

Digitale Vorreiter

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Datum 19.03.2021
Lesezeit 7 Min.

Ranga Yogeshwar: 2022 kehren wir zu einer neuen Normalität zurück

Seit über einem Jahr verändert das Corona-Virus die Welt. Die große Hoffnung liegt auf flächendeckenden Impfungen. Sie sollen uns die Rückkehr zu unserem sozialen Leben ermöglichen und zu neuem Wirtschaftswachstum führen. Dabei sind die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie selbst für Experten schwer abzuschätzen. 

Einer, der es dennoch wagt, ist der renommierte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Er diskutiert mit den Teilnehmern der Vodafone eleVation DIGITAL DAYS (27.04. bis 29.04.2021) über die ökonomischen Herausforderungen, die uns die Corona-Pandemie hinterlassen wird. In unserem Interview beantwortet er wichtige Fragen zu diesem Thema. 

Vodafone eleVation DIGITAL DAYS 

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Seien Sie vom 27.4.-29.4.2021 live dabei, wenn mehr als 100 Speaker und Special Guests auf 3 virtuellen Bühnen über Themen wie digitalen Wandel, New Work und eine nachhaltige Zukunft sprechen.

Herr Yogeshwar, das Leben mit Corona hat unser soziales Miteinander stark strapaziert und Teile unserer Wirtschaft lahmgelegt. Ab wann rechnen Sie mit einer Normalisierung? 

Es wird niemand den Startschuss zu einer Normalisierung geben. Das wird ein Prozess sein, der schon jetzt langsam startet. Ich denke, dass wir ab 2022 zu einer neuen Normalität zurückkehren werden. Neu deshalb, weil das Corona-Virus uns weiter begleiten wird, es wird nicht verschwinden. Wir werden lernen müssen, entsprechende Maßnahmen wie eine Schutzimpfung zu akzeptieren. Dann können wir mit Corona ähnlich leben wie mit einer Grippeepidemie. Wir werden uns Stück für Stück einige, aber nicht alle Freiheiten zurückholen. Und das auch nicht global einheitlich. Es wird Länder geben, denen es schneller gelingen wird, zu Normalität zurückzukehren, anderen nicht.

Und wie könnte diese Normalisierung aussehen?

Wir werden uns in unserer neuen Normalität wieder frei bewegen. Wir werden Restaurants besuchen, ins Kino gehen – aber wir werden Dinge aus der Corona-Zeit übernehmen, die auch bleiben werden. Konkret: Wir werden uns nicht mehr zwingend für ein Business-Meeting in einen Flieger setzen. Jeder hat gesehen, dass digitale Alternativen viele Dienstreisen überflüssig machen. Private Urlaubsreisen hingegen werden recht zügig wieder möglich sein, teilweise sind sie es ja jetzt schon. Allerdings werden diese Reisen mit Einschränkungen verbunden sein. Ich denke da an meine Kindheit zurück, in der Reisen in bestimmte Länder nur mit Pflichtimpfungen möglich war.

Ein weiteres Corona-Relikt wird das Tragen von Masken sein, besonders im Winter. Denn die Maske schützt uns auch vor der normalen Grippe. Bleibt abzuwarten, wie lange wir das durchhalten. Denn auch nach der spanischen Grippe, die 1918/1919 weltweit bis zu 50 Millionen Menschen das Leben kostete, trug die Bevölkerung zunächst Masken, um sich vor Ansteckung zu schützen. 

 

Wie lange werden wir Ihrer Ansicht nach in Deutschland unter den ökonomischen Folgen leiden?

Das ist schwer abzuschätzen und von Branche zu Branche, mitunter sogar von Region zu Region, völlig unterschiedlich. Zunächst ist es ja interessant zu beobachten, dass die wirtschaftlichen Folgen durch Corona nicht gleichmäßig verteilt sind. Natürlich gibt es ganze Branchen, die zu den Verlierern gehören. Denken Sie an die Kulturbranche, das Gastronomiegewerbe, Busunternehmen, Reisebüros, Kinos – alles Bereiche, bei denen es um das Zusammensein von Menschen geht.

Aber es gibt auch Gewinner. Schauen Sie sich die beinahe explodierenden Aktienkurse bestimmter Digitalunternehmen an, die die besten Zahlen in ihrer Unternehmensgeschichte schreiben. Es sind Unternehmen, die schon sehr frühzeitig auf die Veränderungswelle der Digitalisierung gesprungen sind. Corona macht vielfach nur die ohnehin nötigen Digitalisierungsprozesse sichtbar und beschleunigt sie.

Insoweit denke ich, dass sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie durchaus in absehbarer Zeit auffangen lassen – der Preis, den wir auf der Ebene der menschlichen Bedürfnisse zahlen oder bereits gezahlt haben, dürfte vermutlich höher sein.

 

In welchen Bereichen sehen Sie neue Chancen?

Die besten Chancen werden die haben, die ihr Geschäftsmodell – auf welche Art auch immer – auf online umstellen können. Dazu gehören das Einkaufserlebnis, die Kommunikation, die Unterhaltung, ja sogar der Sport. Selbst Online-Yogakurse sind inzwischen ein echter Renner – vor Corona undenkbar. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass wir unsere Bedürfnisse nach geselligem Miteinander im realen Leben völlig vergessen werden. Riesige Bürogebäude und bestimmte Angebote im Einzelhandel sowie geschäftliche Reisen werden jedoch in Zukunft wohl eine geringere Rolle spielen.


 

Wie wird sich das Geschäftsmodell einzelner Unternehmen ändern müssen? Hilft uns unsere Innovationskraft mehr als anderen Volkswirtschaften?

Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass Deutschland im weltweiten Vergleich ein Slow Mover in Bezug auf Digitalisierungsthemen ist. Wenn schon nicht vor der Corona-Pandemie, hätte der Staat zumindest während der Corona-Pandemie das Thema Digitalisierung proaktiv angehen müssen. Geschehen ist in dieser Richtung wenig bis gar nichts. Denken Sie beispielsweise an die Themen Homeschooling oder Homeoffice.

Sowohl der Staat als auch die Unternehmen und wahrscheinlich jeder Arbeitnehmer müssen sich aus der jeweiligen Komfortzone bewegen. Vermutlich sind wir einfach zu satt und ruhen uns zu sehr auf dem bisher Erreichten aus. Bei uns hat die Digitalisierung fast immer etwas mit Wandel oder Umbau zu tun. Staaten in Südostasien haben diese „alten Zöpfe” nicht. Sie fangen einfach bei etwas komplett Neuem an, lernen schnell und befinden sich schon heute auf der Überholspur. 

Die alten Business-Modelle haben Deutschland und andere Staaten zu ihrem Erfolg geführt. Doch damit ist es jetzt vorbei. Wir müssen umdenken und aufpassen, dass wir nicht den Anschluss verlieren. Wir müssen Innovation als echte Chance begreifen und dürfen keine Angst vor ihr haben!

 

Wir leben inzwischen in einer Welt voller Daten. In welcher Weise kann die Digitalisierung Unternehmern helfen, die unter den Folgen von Corona leiden, ihr Business zu stärken?

Daten sind in allen Bereichen ein immer wichtiger werdender Faktor. Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie wichtig, wie wertvoll ihre Daten sind. In ihrer Naivität geben sie ein wertvolles Gut an einige wenige, die sehr wohl verstanden haben, wie sie aus Daten ein Geschäftsmodell mit enormen Gewinnen schaffen können.

Ein Beispiel sind dynamische Preise, bei dem Unternehmen für dasselbe Produkt je nach Kunde unterschiedliche Preise aufrufen. Anhand von Daten können beispielsweise Versicherungsunternehmen ihr Risiko deutlich genauer einschätzen und je nach Kunde völlig unterschiedliche Versicherungsprämien anbieten.

 

Ranga Yogeshwar

Ranga Yogeshwar spricht während der diesjährigen eleVation DIGITAL DAYS über die Zukunft nach Corona.

 

Stichwort künstliche Intelligenz: Spielen deutsche Unternehmen in diesem Business überhaupt in der ersten Liga?

Für die Unternehmen trifft das sicherlich kaum zu. Aber wir haben eine gute Forschung mit exzellenten Wissenschaftlern. Wie bei der Digitalisierung schaffen wir es bisher jedoch nicht, aus diesem Wissensschatz entsprechende Businessmodelle zu entwickeln.

Darüber hinaus greifen große globale Digitalunternehmen wie Amazon oder Google dieses Knowhow strategisch derzeit sehr durchdacht ab. Sie siedeln sich gezielt in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz an und akkumulieren diesen exzellenten Wissensschatz, in dem sie systematisch Mitarbeiter führender Forschungsinstitute mit teils fast schon obszön hohen Gehältern abwerben. Diese Mitarbeiter und deren angesammeltes Know How stehen dann der öffentlichen Forschung und dem heimischen Markt nicht mehr zur Verfügung.

KI ist ansonsten in den möglichen Anwendungen derart breit aufgestellt, dass wir an ganz vielen Stellen von Optimierungsprozessen reden müssen. Sicherlich können viele, bislang händisch ausgeführte Prozesse automatisiert werden. In vielen Branchen gibt es durch Mechanismen der künstlichen Intelligenz eine massive Unterstützung klassischer Berufe, beispielsweise auch in der Virologie. 

Diese Technologie sollte andererseits aber auch nicht überschätzt werden: Gerade in bislang „ungewohnten” Situationen stößt die maschinelle Mustererkennung und Situationsbewertung an Grenzen. Hier braucht sicherlich noch eine ganze Menge an Evolutionsschritten, bis es an die Abstraktionsfähigkeit des menschlichen Gehirns heranreicht.

 

Zurück zu Corona: Die Krise hat uns eine gewisse Abhängigkeit von Anderen aufgezeigt – unter anderem bei Themen wie Maskenproduktion und Schutzkleidung. Sind Sie der Auffassung, dass Deutschland und andere Staaten bei der Entwicklung und Produktion von Pharma-Produkten und anderen Schlüsseltechnologien mehr Eigeninitiative und vor allem Eigenverantwortung zeigen müssen?

Nein! Ich glaube, dass wir in einer wirklich globalen Welt leben. Und diese globale Welt zahlt sich gerade in der Bewältigung der Pandemie schon jetzt aus. Durch den globalen Austausch bekommt die Pandemiebekämpfung einen unglaublichen Speed. 

Globalisierung ist für mich – bei allen bekannten und durchaus unschönen Schattenseiten – ein Garant für Frieden, weil nichts besser funktioniert, als gegenseitige Vernetzung und im positiven Sinne gegenseitige Abhängigkeit. Deshalb bin ich auch kein Freund von China-Bashing oder anderen protektionischen Maßnahmen. Wir sollten die Kraft der Globalisierung zur Bewältigung der wirklichen Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel und Ressourcenschutz nutzen und insofern nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte, sondern auch das gegenseitige Verständnis füreinander als Weltgemeinschaft im Blick haben.

 

Bietet sich hier nicht die Chance schlechthin für innovative deutsche Unternehmer? Wie müssten die Rahmenbedingungen dafür aussehen?

Naja, Deutschland steht ja von der ökonomischen Seite betrachtet gar nicht so schlecht da. Wir sind ja immerhin Exportweltmeister. Mittelständische Betriebe aus Deutschland sind in vielen Ländern präsent: da ist Globalisierung kein Problem. Bei anderen sehe ich ein mentales Problem: Manche Köpfen gehen immer noch davon aus, dass wir besser sind als der Rest der Welt. Das ist falsch! 

Nach einer OECD-Studie kommen 2030 rund 37 Prozent aller Ingenieure und Wissenschaftler aus China, 27 Prozent aus Indien – und nicht einmal 2 Prozent aus Deutschland. Den Unternehmern, die offen sind für Innovationen, die auch von außen kommen, werden sich viele Chancen bieten.

Die dafür nötigen Rahmenbedingungen müssen in unseren Köpfen stattfinden: Bisher war Globalisierung bei manchen fast noch ein Synonym für Kolonialisierung. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass Globalisierung auf gleicher Augenhöhe stattfindet. Globalisierung ist keine Einbahnstraße.

 

Herr Yogeshwar, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Wenn Sie Ranga Yogeshwar live erleben wollen, melden Sie sich hier kostenlos für die Vodafone eleVation DIGITAL DAYS an.

 

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