Wie Airbag-Jeans und High-Tech-Westen die Sicherheit für Motorradfahrer verbessern können

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Datum 15.02.2021
Lesezeit 3 Min.

Wie Airbag-Jeans und High-Tech-Westen die Sicherheit für Motorradfahrer verbessern können

Orléans, Frankreich (CNN Business) Ein Motorrad fährt auf lediglich zwei Rädern und hat im Normalfall keinerlei Schutzhülle. Außerdem sind seine Fahreigenschaften prinzipbedingt viel gefährlicher als die eines Autos. In den Vereinigten Staaten beispielsweise liegt die Wahrscheinlichkeit für Motorradfahrer, bei Unfällen tödliche Verletzungen zu erleiden, um den Faktor 28 höher als bei Autoinsassen.

Innovative Airbags könnten jedoch helfen, die Sicherheit für Motorradfahrer zu verbessern.

Moses Shahrivar entwarf sein erstes Paar Motorradjeans vor 16 Jahren in Zusammenarbeit mit Harley-Davidson Schweden. Diese Jeans hatten ein Schutzfutter aus Leder. Jetzt geht er mit dieser Idee einen Schritt weiter. Sein Unternehmen Airbag Inside Sweden AB hat ein Paar extra strapazierfähiger Prototyp-Jeans entwickelt, bei denen Airbags in den Hosenbeinen verborgen sind.

Der Träger oder die Trägerin befestigt die Jeans am Motorrad. Bei einem Sturz werden die Airbags ausgelöst, füllen sich mit Pressluft und mindern den Aufprall am Unterkörper. Die Airbags können dann entleert, erneut mit Gas gefüllt und zur erneuten Verwendung wieder in die Jeans eingefaltet werden, erklärt Shahrivar.

Airbag Inside Sweden AB lässt diese Jeans jetzt nach den europäischen Sicherheits- und Gesundheitsschutznormen zertifizieren und unterzieht sie einer Reihe von Crashtests.

Das Unternehmen hat bislang 150.000 Euro von der Europäischen Union erhalten, um diese Idee zu entwickeln. Es hofft, die Jeans 2022 auf den Markt zu bringen. Das französische Unternehmen CX Air Dynamics wiederum hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um eine ähnliche Idee zu entwickeln.

Airbag-Westen

Laut Shahrivar ist diese Art von Schutz damit das erste Mal auch für den Unterkörper verfügbar.

Entsprechende Technologie für den Oberkörper gibt es schon seit mehr als 20 Jahren. Motorrad-Airbag-Westen können unter Jacken getragen werden und schützen den Brustbereich, den Hals und manchmal auch den Rücken.

Frühe Versionen wurden an das Motorrad angebunden, ähnlich wie Shahrivars Jeans. Erst kürzlich wurden jedoch autonome, elektronische Airbags entwickelt, bei denen statt einer Leine High-Tech-Sensoren eingesetzt werden, um zu erkennen, ob der Fahrer stürzen wird.

Unter den am Markt angebotenen autonomen Airbags ist auch ein von der französischen Firma In&motion geschaffenes System.

Das Unternehmen begann 2011, tragbare Airbags für professionelle Skifahrer zu entwerfen. Seither wurde die Technologie auch für Motorradfahrer angepasst. Anstatt Airbags über eine Verbindung zum Motorrad auszulösen, hat das Unternehmen eine Art „Gehirn“ geschaffen, das einen GPS-Sensor, ein Gyroskop und einen Beschleunigungsmesser beinhaltet. Diese Box ist etwas größer als ein Smartphone und wird am Rückenteil einer entsprechenden Weste angebracht.

„Die Sensoren messen Bewegungen in Echtzeit. Mit dem Algorithmus kann ein Sturz oder ein Unfall erkannt und der Airbag kurz vor einem Aufprall aufgeblasen werden“, erklärt In&motion-Kommunikationsmanagerin Anne-Laure Hoegeli gegenüber CNN Business.

Die Box misst die Position des Fahrers 1.000 Mal pro Sekunde. Wird eine „nicht behebbare Imbalance“ erkannt, wird der Airbag ausgelöst und voll aufgeblasen, um den Brustkorb, Bauch, Hals und die Wirbelsäule des Trägers oder der Trägerin zu schützen, erklärt Hoegeli. Das dauert nur 60 Millisekunden.

 

Motorradfahrer mit einer Schutzweste

Moderne Schutzwesten wie diese von In&motion helfen, Unfallfolgen im Bereich des Oberkörpers abzumildern.

Bild: Alban Nieroz

 

In&motion hat vor Kurzem Finanzmittel von 10 Millionen Euro zusammengetragen, um innerhalb Europas und in die Vereinigten Staaten zu expandieren.

Die grundlegende Funktionsweise ähnelt der anderer elektronischer Airbagsysteme im Markt. In&motion bietet jedoch auch einen kostengünstigen Abo-Service an, erklärt Emma Franklin, stellvertretende Redakteurin von Motorcycle News. „In vielerlei Hinsicht hat das System dieses Unternehmens Airbags für Normalverbraucher leichter zugänglich gemacht“, sagt Franklin im Gespräch mit CNN Business.

Fahrer können die Box entweder für einen Preis von 400 US-Dollar kaufen oder sie für etwa 120 US-Dollar jährlich von In&motion mieten. Kunden in Frankreich haben darüber hinaus Zugriff auf eine Einstellung, durch die bei einem Unfall automatisch auch der Rettungsdienst benachrichtigt wird.

Der Schutz durch Airbagsysteme ist inzwischen bei der MotoGP fest vorgeschrieben, ebenso wie auf der diesjährigen Rallye Dakar. Für Motorradfahrer im Straßenverkehr ist die Verwendung von Airbags hingegen noch keine gesetzliche Auflage. Franklin hält sie jedoch für eine wichtige Sicherheitsinnovation.

Laut Richard Frampton, einem Hauptdozent für Fahrzeugsicherheit an der Universität Loughborough im Vereinigten Königreich, wurden bisher kaum akademische Forschungen über die Wirksamkeit von Motorrad-Airbag-Westen durchgeführt. Diese Systeme sind für Fahrer im Straßenverkehr noch relativ neu. Er wies jedoch auf Forschungen des französischen Forschungsinstituts IFSTTAR (Institut Français des Sciences et Technologies des Transports, de l’aménagement et des Réseaux) hin, die ergaben, dass Airbag-Westen bei Aufprallgeschwindigkeiten von weniger als etwa 30 bis 40 Stundenkilometern guten Schutz bieten.

„Nach den wenigen Papieren, Fallstudien und Artikeln zu urteilen, die ich gelesen habe, scheint es sich um sehr nützliche Vorrichtungen zu handeln.“, so Frampton. „Ich befürworte sie – Brustkorb, Hals und Wirbelsäule sind Körperteile, bei denen eine Verletzung lebensbedrohlich sein kann.“

 

 

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