Wie virtuelle Realität hilft, Rassismus am Arbeitsplatz zu bekämpfen

Digitale Vorreiter

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Datum 07.09.2020
Lesezeit 3 Min.

Wie virtuelle Realität hilft, Rassismus am Arbeitsplatz zu bekämpfen

London (CNN Business) Falls einer Ihrer Kollegen am Arbeitsplatz eine rassistische Bemerkung von sich gibt, würden Sie dagegen umgehend protestieren? Oder würden Sie es einfach hinnehmen?

Dies ist nur eines von vielen Szenarien, die das US-Startup Vantage Point in seinem Schulungsprogramm simuliert, um gegen das Thema Rassendiskriminierung am Arbeitsplatz vorzugehen.

Das 2017 in Los Angeles gegründete Unternehmen bietet Kurse zu Diversität, Inklusion und „Unconscious Bias”, also so etwas wie erlernten Stereotypen, an. Über Virtual-Reality-Brillen (VR-Brillen) erleben Mitarbeiter immersiv Szenarien, die auf tatsächlichen Ereignissen beruhen. Sie beobachten eine Situation, in der Diskriminierung stattfindet und werden gefragt, wie sie reagieren würden.


Die Unternehmensgründerin Morgan Mercer hat mit ihrer multi-ethnischen Herkunft selbst  Rassismus und Sexismus am Arbeitsplatz erlebt. Sie möchte, dass Menschen, die diese Erfahrungen selbst nicht machen müssen, dennoch verstehen lernen, wie sich das anfühlt. Ihrer Meinung nach ist VR-Technologie von unschätzbarem Wert, um diese Botschaft zu vermitteln.

„Ich merkte, wie effektiv unsere Methodik ist, um sich wirklich in die Lage einer anderen Person zu versetzen“, erklärt sie CNN Business. „Sie erfahren aus erster Hand, wie es sich anfühlt, wenn jemand jedes Mal zusammenzuckt, wenn Sie vorbeigehen. Oder wie es ist, wenn jemand Sie auf der Straße mit Schimpfwörtern beleidigt, oder wenn jemand einfach nur ein bisschen zu nahe an Sie herantritt.“

Morgan Mercer im Portrait

Morgan Mercer hat 2017 das Unternehmen Vantage Point gegründet.

Laut Forschungen der Jobbörse und Recruitment-Website Glassdoor haben durchschnittlich fast ein Drittel der befragten Erwachsenen in den USA, im Vereinigten Königreich, in Frankreich und in Deutschland am Arbeitsplatz Rassismus erlebt oder mit ansehen müssen. Derartige Arbeitsumgebungen können es schwierig machen, Mitarbeiter aus ethnischen Minderheiten ans Unternehmen zu binden.

Immerhin wirkt sich Diversität grundsätzlich auch positiv auf das Unternehmensergebnis aus. Laut einem McKinsey-Bericht von 2020 sind Unternehmen mit einer „diverseren” Belegschaft im Schnitt erfolgreicher. Eine Befragung von 1.000 Unternehmen in 15 Ländern ergab, dass die 25 Prozent der Unternehmen mit einer Vorreiterrolle, was ethnische Zugehörigkeit angeht, um insgesamt 36 % profitabler waren als dasjenige Viertel der Befragten, bei denen Diversität nur eine geringe Rolle spielt. Außerdem schnitten Unternehmen mit mehr als 30 Prozent Frauen in Führungspositionen tendenziell besser ab als solche mit weniger weiblichen Führungskräften.

In der Haut eines anderen stecken

Vantage Point konzentrierte sich zunächst auf das Angebot von Schulungen zur Bekämpfung sexueller Belästigung für Unternehmen. Inzwischen deckt das Schulungsangebot alle Arten von Vorurteilskunde, von Geschlechterungleichheit bis hin zu Mobbing aufgrund von sexueller Orientierung oder Rasse ab. Diesen Sommer führte das Unternehmen einen Kurs ein, der systemischen Rassismus und die Themen abdeckt, die von der Black-Lives-Matter-Bewegung aufgeworfen wurden.

Das Startup hat Finanzmittel von fast vier Millionen US-Dollar eingesammelt und mit Unternehmen in den USA, dem Vereinigten Königreich, Irland und Frankreich zusammengearbeitet. Kunden sind unter anderem der US-Telekommunikationsanbieter Comcast, die internationale Anwaltskanzlei Latham and Watkins und das Datenanalyseunternehmen Looker, das im Februar für 2,6 Milliarden US-Dollar von Google aufgekauft wurde.

Der Manager Cornell Verdeja-Woodson, jetzt ein Diversity Business Partner für Google Cloud, agierte als Global Head of Diversity, Equity and Inclusion für Looker, als das Unternehmen 2019 etwa 200 seiner Mitarbeiter weltweit für Vantage Points-Schulungen anmeldete.

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„Wie die meisten Organisationen richteten wir den Fokus darauf, wie wir unsere Belegschaft diversifizieren konnten“, erklärt er CNN Business.

Verdeja-Woodson wollte mehr als die üblichen Schulungsmethoden anbieten, um Mitarbeiter über „Unconscious Bias” im Recruitmentprozess aufzuklären. „Wir können in Schulungen sitzen und uns Folien ansehen und Dinge besprechen, aber die Leute wollen so etwas quasi-live sehen“, sagt er. „Erst, wenn sie diese Erfahrung selbst machen, erleben sie dieses Gefühl von ‚Oh, jetzt verstehe ich das viel besser.‘“

Er räumt ein, dass die direkten Auswirkungen der Schulungen schwer zu quantifizieren sind. Verdeja-Woodson weist aber auch darauf hin, dass das Feedback von Mitarbeitern überwältigend positiv war. Das Bewusstsein über das Thema „Unconscious Bias” nahm zu, ebenso wie die Selbstsicherheit beim Bewältigen des Problems.

Laut Morgan Mercer messen die teilnehmenden Unternehmen den Schulungserfolg auf unterschiedliche Arten, unter anderem anhand einer verbesserten Mitarbeiterbindung.

„Es ist unglaublich wichtig, verschiedenartige Perspektiven in ein Unternehmen einzubringen. Durch eine Vermischung entsteht ein besonderes Potenzial“, sagt sie. „Dynamische Perspektiven und Ideen, die wirklich die Lernprozesse, die Aufklärung, die Innovation und die Inspiration schaffen, um deren interne Förderung Unternehmen sich sonst extra bemühen.“

 

Titelbild: CNN Business / Anastasia Blackman

 

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