Schmerzen via App messen: Hilfe für Menschen mit Demenz

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Datum 12.03.2021
Lesezeit 4 Min.

Schmerzen via App messen: Hilfe für Menschen mit Demenz

London (CNN Business) Wenn Sie Schmerzen haben, können Sie das normalerweise anderen mitteilen. Für Menschen mit Kommunikationsschwierigkeiten ist das aber nicht immer möglich. Deshalb werden Schmerzen oft nicht bemerkt, falsch gedeutet oder falsch behandelt.

Um Menschen wie beispielsweise Demenzkranken, die ihr eigenes Leiden häufig nicht erklären können, eine Stimme zu geben, hat das australische Startup PainChek eine App entwickelt, bei der Gesichtsanalyse und künstliche Intelligenz (KI) zur Feststellung und Einstufung von Schmerzniveaus verwendet werden.

Eine Pflegekraft nimmt mit einem Smartphone ein kurzes Video des Gesichts der betroffenen Person auf und beantwortet Fragen über deren Verhalten, Bewegungen und Sprache. Die KI der App erkennt Gesichtsmuskelbewegungen, die mit Schmerzen verbunden sind, und kombiniert dies mit den Angaben der Pflegekraft, um eine Gesamteinstufung der Schmerzen zu berechnen.

Nach Angaben des Unternehmens kann PainChek Schmerzen mit einer Genauigkeit von über 90 % erkennen. Weltweit wurden mehr als 180.000 Schmerzeinschätzungen an über 66.000 Menschen vorgenommen. Die App wurde zur Verwendung bei älteren, pflegebedürftigen Menschen entwickelt.

 

Bestimmung von Schmerzniveaus

Um etwaige Schmerzen bei Demenzpatienten festzustellen, die schwer kommunikationsbehindert sind, müssen Pflege- und Gesundheitsfachkräfte deren Gesichtsausdrücke und Verhalten beobachten und die Ergebnisse anhand einer Standardskala deuten, beispielsweise der Abbey-Schmerzskala (Abbey Pain Scale).

Ein Wissenschaftlerteam von der Schule der Pharmazie an der Curtin University in Westaustralien begann 2012 mit der Entwicklung von PainChek. Die Absicht war, eine bessere Alternative zu finden als subjektive Beurteilungen auf Papier.

„Es ist sehr schwierig für Menschen, die Gefühle einer Person anhand ihres Gesichtsausdrucks zu entschlüsseln“, erklärt Peter Shergill, Business Development Director von PainChek. „Das Tool wendet deshalb künstliche Intelligenz und Algorithmen an, um den Gesichtsausdruck basierend auf jahrzehntelangen Forschungen zu entschlüsseln.“

 

PainChek-App mit einem Gesicht und KI-Messpunkten

Gesichtserkennung und Musterevaluation sind wichtige Bestandteile der PainChek-App.

Eine von PainCheks Erfindern 2017 durchgeführte Validierungsstudie, die im Journal of Alzheimer’s Disease veröffentlicht wurde, befand, dass die App zuverlässige Nachweise für das Vorhandensein von Schmerzen lieferte. Die Technologie ist in Europa, Australien und Kanada als ein Medizinprodukt klassifiziert und wird Pflegeheimen im Rahmen eines monatlichen Abonnements für etwa 4 $ pro Einwohner angeboten.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation gibt es weltweit etwa 50 Millionen Demenzkranke. Jährlich kommen fast 10 Millionen neue Fälle hinzu. In einer 2012 durchgeführten Studie wurde geschätzt, dass bis zu 80 % aller Demenzkranken in Pflegeheimen regelmäßig Schmerzen haben.

„Weltweit ist die Beurteilung von Schmerzen bei Menschen, die mit Demenz leben müssen, nicht besonders ausgeprägt“, so Shergill. „Falls Schmerzen von Demenzkranken unerkannt oder unbehandelt bleiben, kann sich das in schwer kontrollierbaren Verhaltensweisen äußern. Oft wird daraufhin versucht, diese mit Antipsychotika zu kontrollieren, was weitere Risiken mit sich bringt.“

Die australische Regierung stellte 2019 einen Betrag von bis zu 5 Millionen australischen Dollar (3,8 Millionen US-Dollar) für Pflegeheime im Land zur Verfügung, um PainChek im Rahmen eines zweijährigen Tests auszuprobieren. „Das Ziel ist, die Diagnose und das Management von Schmerzen, die Lebensqualität und die Auswirkungen auf den Gesundheitszustand für Menschen zu verbessern, die in Pflegeheimen leben“, erklärt Richard Colbeck, der Federal Minister für Senior Australians und Aged Care Services.

Deutung von Gefühlen

Nach Angaben von PainChek wird die Technologie des Unternehmens aktuell in über 722 Pflegeheimen weltweit eingesetzt. Letzten August wurde sie im Vereinigten Königreich eingeführt, wo sie bisher von etwa 1.000 Patienten genutzt wurde.

 

Messwerte der PainChek-App auf einem Tablet

Laut Angaben von PainChek kann deren App Schmerzen mit einer Genauigkeit von über 90 Prozent einstufen.

Paul Rowley ist Eigentümer eines Wohnheims mit 24 Betten im Vereinigten Königreich. Er nutzt PainChek schon seit fast einem Jahr. Laut seinen Angaben wurden 20 der Einwohner seines Wohnheims mit Demenz diagnostiziert.

„[Demenzkranke] haben Schwierigkeiten beim Kommunizieren. Sie können nicht immer ausdrücken, was sie fühlen. Oft liegt es deshalb an den Pflegern, ihre Gefühle zu deuten“, so Rowley. Nach seinen Angaben hilft die App Pflegern dabei, schnell festzustellen, ob jemand Schmerzen hat.

Rowley sieht PainChek außerdem als ein wichtiges Hilfsmittel, um das Fehlen von Schmerzen festzustellen. Als Beispiel nennt er einen Fall, bei dem er und seine Mitarbeiter mithilfe der App verhindern konnten, dass einer Frau unnötigerweise Medikamente verabreicht wurden.

„Eine von uns betreute Einwohnerin hat Demenz in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. Sie zeigte Anzeichen, die die meisten Menschen als Hinweis auf physische Schmerzen deuten würden“, erklärt er. „Aber wir kennen diese Frau sehr gut, und wir waren überzeugt, dass diese Anzeichen bei ihr nicht auf Schmerzen, sondern auf Frustration und Angst hindeuteten. Wir verwendeten PainChek, um das zu belegen.“

Es gibt eine zunehmende Anzahl von Technologien mit dem Zweck, Menschen aller Art dabei zu helfen, ihre Schmerzen zu kommunizieren. In den Vereinigten Staaten hat MoxyTech eine App namens GeoPain entwickelt, mit der Benutzer auf einem 3D-Bild des Körpers genau einzeichnen können, wo sie Schmerzen empfinden. AlgometRx ist ein Handgerät, das die Pupillen eines Patienten scannt, um Schmerzen zu messen.

PainChek plant außerdem die Entwicklung von auf andere Gruppen ausgerichteten Produkten. Das Unternehmen führte Forschungen in einer Kinderklinik in Melbourne durch, um bei der Entwicklung einer App zu helfen, die Schmerzen bei Kindern im Alter von unter drei Jahren erkennen soll.

„Wir erwägen Lernbehinderungen, Delirium und Sterbehilfe, ebenso wie Ergänzungen für weitere Gesundheitszustände“, so Shergill. „Wir haben eine einzigartige Lösung, die für jede Ethnizität und jeden Hintergrund anwendbar ist … Benutzer können sehen, welche Wirkung das erreicht.“

 

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